Geschichte

Über die Geschichte der Kirche und Gemeinde

Schwedische Touristen, die Estland besuchen und Kontakt mit der schwedischen Gemeinde in Tallinn aufnehmen, reagieren oft verwundert darüber, daß sie hier Menschen treffen, die schlecht Schwedisch und untereinander lieber Estnisch sprechen. 

Allerdings hatten die schwedischen Nachfahren ca. ein halbes Jahrhundert keine Möglichkeit, ihre schwedische Sprache zu pflegen. Während des Zweiten Weltkriegs wanderten die meisten der insgesamt ca. 8000 Estlandschweden nach Schweden aus. Die, die hier geblieben waren, versuchten in der düsteren Besatzungszeit aus Angst vor Repressalien ihren schwedischen Ursprung zu verneinen – auch wenn sie ihn nicht vergaßen. Auch die Estlandschweden, die nach Schweden gezogen waren, vergaßen nicht, wo sie herkamen. Vielen von ihnen pflegen nach wie vor ein großes Interesse an Estland. Estlandschweden aus u.a. Schweden sind in die früheren Wohngebiete zurückgekehrt, um dort Sommerhäuser für sich und ihre Nachfahren zu bauen. 

Des weiteren gibt es etliche ”Reichsschweden”, die mehr oder weniger zufälligerweise in Tallinn leben, sowie Esten, die sich für die schwedische Sprache und Kultur interessieren, und die deshalb am Leben in der Gemeinde teilhaben.

Vor dem Nordischen Krieg (ca. 1520-1700)

Das erste, was man in Tallinn sieht, wenn man aus dem Schiff aussteigt, ist ein hoher Kirchturm, der sehr nordisch aussieht. Er gehört zu der Olafskirche, die vermutlich um das Jahr 1200 herum vom skandinavischen Kaufmännern gegründet worden war. 

Die Reformation kam 1523 nach Tallinn (das damals noch Reval hieß). Gesicherte Quellen über eine reformierte schwedische Gemeinde gibt es aus dem Jahre 1531, als deren Pfarrer starb. Hermannus Grönau, ein Schüler Luthers, der im darauf folgenden Jahr nach Reval kam, begann in der Zisterzienser Skt. Michaelisklosterkirche zu predigen. Peu a peu wurde diese die Kirche der schwedischen Gemeinde, woher auch der Name der Gemeinde rührt. 1561 faßte die schwedische Großmacht Fuß in Reval, und die Anzahl Schweden wuchs wesentlich. In dem früheren Skt. Michaeliskloster wurde 1631 das erste Gymnasium Estlands gegründet (das jetzige estnische Gustav Adolf Gymnasium), wobei allerdings die Kirche des Klosters an die schwedische Garnison und Gemeinde übergeben wurde. Treibende Kraft dahinter war der schwedische König Gustav II Adolf. 

Trotz sehr kalter Winter, schlechten Ernten, Hungernöten und Epidemien werden diese Jahre (1561-1710) im Volksbewußtsein als ”die gute, alte Schwedische Zeit” erinnert. 

Zu alle dem kam dann noch der Große Nordische Krieg (1700-1721) mit seinem Plagen und Epidemien. Laut dem ältesten bewahrten Kirchenbuch aus dem Jahre 1710 starben nicht weniger als 48000 Menschen in Reval, unter ihnen der Pfarrer der Gemeinde.

Die Zarenzeit (1710-1917)

1710 bekam die Stadt neue Machthaber. Die Skt. Michaelisklosterkirche wurde von der russischen Garnison beschlagnahmt, woraufhin die schwedische Gemeinde sieben Jahre obdachlos war. Schlußendlich zog sie in das frühere Johannishospital aus dem Jahre 1530, das am Michaelstag 1733 als die neue Skt. Michaeliskirche eingeweiht wurde. 

Die Chroniken beschreiben den Überlebenskampf der Gemeinde unter der Leitung zweier Legenden, die Pfarrer Mathias Simolin und Johannes Roos. Anfang des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation und man bekam sogar finanzielle Unterstützung von Zar Alexander I. 

Immer mehr Familien verließen in der Zwischenzeit jedoch die schwedische Gemeinde und wurden Mitglieder von entweder estnischen oder deutschen Gemeinden. Glücklicherweise schlossen sich die Bewohner der Insel Nargö Anfang des 19. Jahrhunderts der Skt. Michaelisgemeinde an, und übernahmen eine sehr aktive Rolle im Gemeindeleben. 

1897 bekam die Gemeinde 360 neue Mitglied von den Inseln Stora Rägö und Lille Rägö. Ende des 19. Jahrhunderts baute man sogar neue Verbindungen mit Schweden auf und konnte sich über materielle sowie spirituelle Unterstützung freuen. 

Als ein Beweis schwedischen Interesses für die schwedische Volksgruppe Estlands verstand man auch den Besuch des schwedischen Königs Gustav V im Jahre 1908, der erste schwedische Königsbesuch in Estland seit 200 Jahren.

Kurzes Aufblühen (1918-1940)

Die Gründung der ersten Estnischen Republik bedeutete, auch für die Estlandschweden, ein kulturelles und nationales Aufblühen. In Tallinn wurde eine schwedische Volksschule etabliert, die sich zusammen mit der schwedischen Zeitschrift Kustbon (”Küstensiedlung”) und dem Büro des Kulturvereins Svenska Odlingens Vänner SOV (frei übersetzt ”Schwedischer Landfreundeverein”) das ehemalige Pastorat direkt neben der Skt. Michaeliskirche teilten. 

In der Zwischenkriegszeit gab es fast 1200 Gemeindemitglieder. Das Gemeindeleben blühte auf. Nahe der Kirche wurde ein Lesesaal eröffnet, der ein geschätzter Treffpunkt für Gemeindemitglieder als auch Besuch aus Schweden wurde. Aber schon während der ersten russischen Besatzung verschwanden 1941 mehrere der estlandschwedischen Hauptakteure spurlos. Auch unter der nazi- deutschen Besatzung war ein freies, kulturelles Gemeindeleben nicht denkbar. 

Teile Tallinns wurde im März 1944 durch russische Bombenangriffe zerstört. Das alte Pastorat der schwedischen Gemeinde inklusive seiner Volksschule für die 1.-6. Klasse sowie wichtige, historische Dokumente, wurden komplett zerstört. Auch das eigentliche Kirchengebäude wurde beschädigt, konnte aber im Sommer 1944 notdürftig in Stand gesetzt werden. 

Am 19. September 1944 trafen sich in der schwedischen Kirche die Gemeindemitglieder u.a. zu einer Art Abschied. Am Tage darauf verließ der letzte sogenannte legale Transport von Estlandschweden und einer wesentlichen Anzahl Esten das Land. Die ca. 200 Gemeindemitglieder, die in Tallinn zurückblieben, hat keine Möglichkeit, das Gemeindeleben fortzusetzen. 

Das Sowjetregime stellte das Kirchengebäude einem Sportverein zur Verfügung. Für die  nächsten fast 50 Jahre wurden die Räumlichkeiten für Boxen, Ringen und andere Sportarten genutzt.

Die Gemeinde heute

Neugründung 1990

1988 war ein Jahr des Durchbruchs für Estland. Am 27. Februar d.J. wurde in Hapsal die Gesellschaft für Estlandschwedische Kultur gegründet (”Samfundet för estlandssvensk kultur”, SESK). Des weiteren wurde diskutiert, ob es möglich wäre, die Skt. Michaeliskirche zurückzubekommen. Eine erneute Gründung der Gemeinde erschien damals allerdings außer Reichweite. 

Erst am 11. März 1990 beantragte eine Gruppe Optimisten die Neuetablierung der Skt. Michaelisgemeinde. Dem Gesuch wurde von den Behörden statt gegeben – im ersten Raum der EELK, der estnischen evangelisch-lutherischen Kirche 

Die wiedergegründete Gemeinde wurde unter dem Namen ”Svenska S:t Mikaels församlingen i Tallinn” (schwedische Skt. Michaelisgemeinde in Tallinn) registriert. Bis 1944 wurde die Bezeichnung ”Svensk-finska S:t Mikaelsförsamlingen i Reval / Tallinn” (schwedisch-finnische Skt. Michaelisgemeinde in Reval / Tallinn) verwand. 1990 meinte man jedoch im Verhältnis zur Zusammensetzung der Gemeinde, daß der alte Name nicht mehr adäquat wäre. Im übrigen konnte man auf frühere Epochen hinweisen, in denen der Zusatz ”finnisch” ebenfalls nicht verwand worden war. 

Der erste schwedische Gottesdienst wurde bereits am 4. November 1990 gefeiert. Dies in der Sutlep-Kapelle, die in den 1970ern von Nuckö in das Estnische Freilichtmuseum bei Tallinn gebracht worden war. Seit damals traf sich die Gemeinde mindestens ein Mal im Monat zum Gottesdienst.

Wieder obdachlos?

Am Anfang konnte die Sutlep-Kapelle den bescheidenen Ansprüchen der Gemeinde genügen, aber langsam tauchten die ersten Probleme auf. Im Winter konnte die Kapelle wegen der Kälte nicht genutzt werden. Im übrigen ist die Kapelle ja ein Museumsgegenstand, und deshalb wurde bei jeder Nutzung der Kapelle der Zustand dieser problematisiert. 

In den Wintermonaten benutze die Gemeinde die Räume der Nõmme Freikirche im Süden Tallinns, aber auch diese Lösung erwies sich bald als auf Dauer wenig brauchbar. 

Es bestand die Gefahr, daß die ”wandernde” Gemeinde als Außenseiterphänomen betrachtet werden würde. Die alte Skt. Michaeliskirche wurde nach wie vor vom Sportverein ”Kalev” genutzt.

Rückgabe

Nachdem das schwedische Königspaar im Frühjahr 1992 Estland besucht hatte, wuchsen die Hoffnungen, daß die alte Kirche an die Gemeinde zurückgegeben werden könnte. Am Nachmittag des 22. April ehrten König Carl XVI und Königin Silvia die Skt. Michaeliskirche mit ihrem Besuch. Damals traf sich zum ersten Male die ganze Gemeinde in der alten Kirche, um den hohen Besuch zu empfangen. 

Die Möglichkeit der Rückgabe weckte viel Enthusiasmus bei den Gemeindemitgliedern. Nach verschiedenen Rückschlägen schaffte man es, die Behörden von der Rechtmäßigkeit des Anliegens zu überzeugen. Der Sportverein widersetze sich einer Rückgabe nicht, unterzeichnete jedoch einen Vertrag über einen ”weichen Übergang.” 

Der erste Gottesdienst seit 48 Jahren war das Erntedankfest am 15. November 1992. Im Juli 1993 verließ das letzte Sportvereinsmitglied das Kirchengebäude.

Ein verfallendes Kirchengebäude

Langsam wurde aber klar, wieso der Sportverein so bereitwillig das Gebäude verlassen hatte. Es war in einem bedauerlichen Zustand, seit 1944 war nichts am Gebäude selbst vorgenommen worden. 

Das Dach leckte, die Holzkonstruktionen gammelte, das Heizungssystem funktionierte schlecht, das Regenwasser lief in den Keller usw. Zu alle dem kam, daß der Winter 1993/4 speziell kalt war, was zur Folge hatte, daß das Wärmesystem komplett zufror und die Heizelemente zerbarsten. 

Der Versuch, das Gebäude mit einer Stromheizung aufzuwärmen, führte zu einem Brand in den alten Stromkabeln. 

Der desperate Hilferuf der Gemeinde hatte bis jetzt kein Gehör gefunden. Im Auftrage der Arbeitsgruppe für Europafragen der Zentralleitung der Schwedischen Kirche wurde am 21-22. September 1993 eine Expertengruppe aus Schweden nach Tallinn entsandt, die den Zustand der Kirche untersuchen sollte. Ein Bericht wurde verfaßt und verschickt, aber leider war man auf verschiedenen Niveaus zurückhaltend, was die Rettung dieses kulturhistorischen Denkmals anging.

Freunde vereinen sich

Neben der Skt. Michaelisgemeinde in Huddinge, Schweden, gibt es andere Vereinigungen in Schweden, die sich aktiv für den Wiederaufbau der schwedischen Gemeinde in Tallinn eingesetzt haben: 

Stockholms stiftskansli, Schwedische Kirche im Ausland (SKUT), Immanuelskirche in Stockholm, Riksföreningen Sverigekontakts lokalförening i Stockholm, der estlandschwedische Kulturverein Svenska Odlingens Vänner SOV u.a. 

1993 kam man in Stockholm zu dem Entschluß, daß die Hilfe effektiver wäre, wenn man sie koordinierte. Dies resultierte in der Gründung der ”Stiftung des Kirchenfonds der Skt. Michaeliskirche” sowie des ”Vereins Freunde der Skt. Michaeliskirche in Tallinn.” 

Die Aufgabe der genannten Stiftung ist es, mit Hilfe von den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, die notwendige Innen- und Außensanierung der Kirche zu unterstützen. Die Aufgabe des Freundschaftsvereins ist es, mit der Hilfe von Mitgliedsbeiträgen und Geschenke die Hilfsarbeit der Stiftung zu unterstützen. Der Einsatz der Stiftung hat die Kirche aus ihrer schlimmsten Krise gerettet. Alle Unterstützer, genannte wie nicht genannte, haben dazu beigetragen, daß unsere Gemeinde eine Zukunft voller Hoffnung erleben kann. DANKE. 

(Wer die Kirche von Schweden aus unterstützen möchte, kann dies unter folgender Bankverbindung: Stiftung Skt. Michaeliskirche in Tallinn Kirchenfond, schwedische Postgironummer 649 27 05-6). 

(Dieser Text wurde am 25. August 2003 von David Nicolas Hopmann übersetzt, dnh@gmx.de).